25. Januar 2012

Soziologische Betrachtung von Geheimhaltung und Geheimnis

Wie lassen sich die Begriffe Geheimnis und Geheimhaltung bei dieser historischen Wandelbarkeit soziologisch fassen? 





Geheimnis als soziale Form des Handelns


Simmel betrachtet Geheimhaltung, in einer der ersten soziologischen Ausführungen zum Thema Geheimnis, als eine "Form des Handelns, ohne die angesichts unsres sozialen Umgebenseins gewisse Zwecke überhaupt nicht erreichbar sind" (Simmel 1908, S.273). Geheimnisse sind "eine Form des kommunikativen Handelns" (Schirrmeister 2004, S.33). Sievers sieht als zentrales Kriterium einer soziologischen Betrachtung von Geheimnissen das Nichtwissenlassen (vgl. Sievers 1974, S.18) und somit lassen sich Mysterien, wie z.B. der Natur, von Geheimnissen trennen. "Das Mysterium wirkt 'von oben' in den Menschen und die Gesellschaft hinein, das Geheimnis wirkt in dem Menschen und in der Gesellschaft selbst" (Voigts 1998, S.65). Ergänzend lässt sich anmerken, dass "Geheimnisse nicht (quantitativ) auf der Zahl jeweils Nichtwissender beruhen, sondern (qualitativ) auf der erfolgreichen Verhinderung spezifischen Nachrichtenempfangs" (Westerbarkey 1991, S.23). Sievers hält fest, dass das "Geheimnis [...] einen wesentlichen Bestandteil aller sozialen Beziehungen dar[stellt], als es Voraussetzung der Wechselwirkung zwischen Wissenden und Nichtwissenden ist" (Sievers 1974, S.11). Schirrmeister grenzt in Anlehnung an Stok und Simmel zwischen Privatheit und Geheimnis anhand der Beziehungsrelevanz zwischen der Information und dem davon Ausgeschlossenen weiter ab. Geht eine Person eine Information etwas an, dann handelt es sich um ein Geheimnis (vgl. Schirrmeister 2004, S.39f.).
Simmel versieht das Geheimnis mit einigem Pathos, wenn er von einer der größten Errungenschaften der Menschheit schreibt (vgl. Simmel 1908, S.272). Bellebaum z. B. zieht anhand der Fähigkeit des Schweigen Könnens den Hauptunterschied zum Tier und sieht "das sichere Gefühl: wo man reden und wo man schweigen muß" als Zeichen von Hochkultur (vgl. Bellebaum 1992, S.9f.).
Das Verschweigen eines Geheimnisses kann hier als Verheimlichung oder Geheimhaltung geschehen. Hahn differenziert zwischen Verheimlichung als „totalen Mitteilungsverzicht“ und Geheimhaltung, welche „sich auf bereits Mitgeteiltes bezieht“. Geheimhaltung kann hierbei auch unterteilt werden in eine nachträgliche Erklärung der Geheimhaltung, also Schließung einer Gruppe und das vorausgehende Bestehen einer Geheimhaltungsgarantie, welche zur Öffnung von Kommunikation dient (vgl. Hahn 1997, S.23). Begreift man Geheimnis als Interaktionstriade, dann ergeben sich daraus die drei Handlungstypen Geheimhaltung, Verheimlichung und Enthüllung. Die Geheimhaltung wird dabei in eine absolute und eine relative unterschieden. Als Handlungsträger ergeben sich Geheimnisträger und ausgeschlossene Dritte (vgl. Nedelmann 1995, S.1ff.). Nedelmanns Begrifflichkeit unterscheidet sich hier allerdings von Hahns. Was Hahn mit „totalen Mitteilungsverzicht“ als Verheimlichung beschreibt, lautet bei ihr „absolute Geheimhaltung“. Unter Verheimlichung versteht Nedelmann, anders als Hahn, ein ein aktives Tun. Eine, in Orientierung an Dritte, „aggressive Geheimhaltung“. Die Begrifflichkeit von Hahn schient mir hier die schlüssigere zu sein, wenn man die von Nedelmann angesprochene „aggressive Geheimhaltung“ als den nachfolgenden Begriff der reflexiven Geheimhaltung versteht.
 
 


Einfaches, reflexives und offenes Geheimnis


Geheimnisse kann man auf Grund Ihres Inhalts einteilen oder wie Simmel als reine Form ansehen. "Als soziale Funktion hat das Geheimnis gar keinen spezifischen Inhalt" (Assmann/Assmann 1997, S.9). Nach der Form lassen sich das einfache, das reflexive oder auch das offene Geheimnis bzw. Geheimhaltung nennen. Bei der einfachen Geheimhaltung ist dem Ausgeschlossenen die Existenz eines Geheimnisses bekannt. Die reflexive Geheimhaltung bezeichnet Sievers als das Verbergen der Negation von Mitteilung (vgl. Sievers 1974, S.13). "Der einfach Geheimhaltende führt den anderen, wenn man so will, nicht unmittelbar in die Irre, denn er gestattet ihm ein gewisses Maß an Wissen, womit er aber gleichzeitig soziale Distanzen schafft" (Schirrmeister 2004, S.55f.). Der einfachen Geheimhaltung geht die Anerkennung der Geheimhaltung voraus, sonst setzt man sich potentiell der Kritik bzw. den Sanktionen durch die Ausgeschlossenen aus. Dies kann allerdings auch ein Ausdruck von Macht sein, wenn dies ignoriert wird oder nicht gefürchtet werden muss (vgl. Schirrmeister 2004, S.56f.). Ist dies nicht der Fall, liegt die reflexive Geheimhaltung nahe.
"Als Strategie der Verheimlichung empfiehlt sich die reflexive Geheimhaltung stets dann, wenn eine Geheimhaltung den normativen Erwartungen der an seiner Situation oder Kommunikation Beteiligten widersprechen und den Abweichler diskreditieren oder mit zusätzlichen Initiativen belasten würde" (Sievers 1974, S.32f.).
Dem Vorteil der reflexiven Geheimhaltung steht der damit verbundene Mehraufwand gegenüber (vgl. Schirrmeister 2004, S.59f.). Die Unterscheidung zwischen einfachem und reflexivem Geheimnis wird von Schirrmeister um das offene Geheimnis ergänzt.
"Das offene Geheimnis zeichnet sich dadurch aus, dass es für den anderen nur noch der Form nach besteht, die dieser mit seinem Verhalten anerkennt und damit das Geheimnis weiter aufrecht erhält. Das verheimlichte Wissen ist dem anderen oder sogar allgemein bekannt, wobei der Geheimhaltende womöglich selbst von dem Wissen der anderen um seinen Geheimnisinhalt weiß. Einfache Geheimnisse verlieren ihren sozialen Wert, wird ihr Inhalt in diesem Sinne bekannt" (Schirrmeister 2004, S.62).
 
 


Formale und nicht-formale Geheimhaltung


Sievers unterscheidet zudem noch zwischen formaler und nicht-formaler Geheimhaltung.
"Unter formaler Geheimhaltung soll hier eine solche Geheimhaltung verstanden werden, deren Einhaltung innerhalb einer sozialen Organisation insofern generalisiert erwartet werden kann, als sie durch die Mitgliedschaftsregeln des sozialen Systems gedeckt ist und Konsens darüber besteht, daß im Falle des Geheimnisverrats, d. h. der Nichtanerkennung oder Nichterfüllung von Geheimhaltungserwartungen, die weitere Mitgliedschaft im System riskiert bzw. gekündigt wird" (Sievers 1974, S.60f.).
Sievers spricht hier also von einer standardisiert geregelten Geheimhaltung, welche dadurch auch Entlastung in der Rechtfertigung der Geheimhaltung bietet.
"Formale Geheimhaltungen bieten ferner den Vorteil, daß sie gegenüber den Mitgliedern kein zusätzliches Legitimationsproblem entstehen lassen, weil sie über die von den Mitgliedern bereits generell akzeptierten Systemzweck legitimierbar sind. Wer formal über Geheimhaltung zu entscheiden hat, ist damit zugleich auch weitgehend vor dem Vorwurf geschützt, Sekretierungen vorweigend aus persönlichen Interessen und Motiven vorzunehmen" (Sievers 1974, S.61).
Nach Schirrmeister sind alle gesellschaftlichen und juristisch legitimierten Geheimnisse durch einfache Geheimhaltung charakterisiert (vgl. Schirrmeister 2004, S.55). Für reflexive Geheimhaltung gilt, dass "Rechtfertigungen und Erklärungen des Geheimnisbesitzers [...] überflüssig [werden]“ (Schirrmeister 2004, S.58).
Diese Legitimierung wirkt nach außen gegenüber den Ausgeschlossenen, aber auch die Basis, auf der die Mitteilung eines Geheimnisses erfolgt, ändert sich mit formaler Geheimhaltung.
"Der formalen Geheimhaltung liegt ein Vertrauen in die Strukturen und Sanktionsmöglichkeiten des formalen Systems zugrunde, wohingegen die informale Geheimhaltung eher von einem Vertrauen in die persönliche Vertrauenswürdigkeit konkret bekannter Personen ausgeht, ohne dabei jedoch völlig auf Systemvertrauen verzichten zu können" (Sievers 1974, S.71).
Funktional betrachtet zeichnen sich diese Typen von Geheimhaltung durch eine künstliche Verknappung von Informationen aus (vgl. Bellebaum 1992, S.103f.). "Die Funktion des Geheimnisses besteht zunächst darin, sowohl zwischen Menschen als auch zwischen verschiedenen Gruppen einen Teil der intern aktualisierten Wirklichkeit zu verbergen" (Sievers 1974, S.11). Darauf aufbauend sind die Funktionen von Geheimnissen dem Konkurrenten Wissen vorzuenthalten, durch gemeinsames Wissen Gruppenbildungen zu ermöglichen, durch vorenthaltenes Wissen Distinktion zu schaffen und einen Flucht- und Schutzraum zu bilden vor einer umfassenden Informationskontrolle (vgl. Assmann/Assmann 1997, S.11).
 



Geheimnis und Geheimhaltung sind moralisch ambivalent


Das Geheimnis dient als Mittel der Erfüllung von Zwecken, welche positiv oder negativ sein können (vgl. Bellebaum 1992, S.84f.). Das Geheimnis als Form entzieht sich jeder eindeutigen moralischen Bewertung (vgl. Schirrmeister 2004, S.53). "Die Moralität des Bewahrens oder Enthüllens von Geheimnissen hängt von der Natur reziproker Verpflichtungen ab, die die soziale Beziehung zwischen jenen, die wissen, und jenen, die nicht wissen, definieren" (Keppler/Luckmann 1997, S.206). Ein Auseinanderfallen der Vorstellungen der gegenseitigen sozialen Verpflichtungen kann zu unterschiedlichen moralischen Bewertungen ein und der selben Handlung führen (vgl. Keppler/Luckmann 1997, S.206).
In einem Kommentar zu den Veröffentlichungen der Botschaftsdepeschen durch Wikileaks schreibt Münkler: "Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse hat ihre Ordnung verloren" (Münkler 2010, S.160). Damit deutet er darauf hin, dass neben den von Assman aufgeführten Funktionen noch eine Stabiltätsfunktion erfüllen. Popitz hat die Hypothese1 aufgestellt, dass eine Dunkelziffer von Normbrüchen stabilisierend auf das Normgefüge wirkt (vgl. Popitz 2003). Sievers spricht hier von einer Verhinderung nicht intendierter Verhaltensgeneralisierungen durch Geheimhaltung von Einzelfallanweisungen (vgl. Sievers 1974, S.67) und bewegt sich damit sehr nahe an Popitz. Hahn stellt ähnlich die Geltungssicherheit von rechtlichen Normen in Bezug zur Geheimhaltung der Entscheidungsalternativen. "Gerade weil rechtliche Entscheidungen als verbindlich gelten sollen, dürfen die, die sie zu akzeptieren haben, nicht vor Augen geführt bekommen, daß alles um ein Haar auch anders hätte ausgehen können" (Hahn 1997, S.37).
Wie oben bereits angesprochen, dient Geheimhaltung der Verknappung von Information. Genauso ermöglicht die Erwartung von Geheimhaltung erst den Austausch von Informationen. "Kommunikationsverbote erlauben sonst nicht mögliche oder doch unwahrscheinliche Kommunikation" (Hahn 1997, S.23). Dies gilt nicht nur für Hahns Beispiel der Beichte, sondern lässt sich auch in Verhandlungen um einen Kompromiss wiederfinden. In der Begrifflichkeit von Hahn lässt sich sagen, dass Geheimhaltungsvertrauen Verheimlichungsinteressen überwinden kann (vgl. Hahn 1997, S.25). Siever verweist darauf, dass Geheimhaltung das Auftreten von Dissens und dessen Bewältigung ohne öffentliche Bloßstellung erst ermöglicht (vgl. Sievers 1974, S.60). Jesteadt macht dies am Unterschied zwischen Mehrheitsentscheidungen und Kompromissfindung fest. Mehrheitsentscheidungen sind nicht gleichzusetzen mit der Findung von Wahrheit und Weisheit. Folglich bleiben die Argumente der unterlegenen Minderheit inhaltlich davon unberührt. Bei Kompromissen bzw. Konsensentscheidungen ist eine gewisse Einsicht der Parteien vorausgesetzt, also ein Abweichen von den ursprünglichen Positionen. Voraussetzung für einen tragfähigen und dauerhaften Kompromiss ist damit die Gesichtswahrung aller beteiligten Parteien. Diese wird dadurch gewährleistet, dass das Ringen um den Kompromiss, wer hat wie nachgegeben, im Verborgenen bleibt und es damit keinen ersichtlichen Verlierer der Verhandlungen gibt (vgl. Jestaedt 2001, S.99f.). So lässt sich das Vertrauen auf Geheimhaltung als Bedingung für Sachlichkeit nennen (vgl. Depenheuer 2002, S.22).
Das Beispiel der Kompromissfindung zeigt auch, dass Geheimnisse zur Machterlangung und -erhaltung dienen. Der Wissensvorsprung erzeugt Handlungsvorteile gegenüber dem Nichtwissenden (vgl. Schirrmeister 2004, S.2). Dieser Vorteil ist für die reflexive Geheimhaltung entsprechend größer.
"Gegenüber der einfachen Geheimhaltung kann die reflexive Geheimhaltung das Potential der Handlungsmöglichkeiten für den Geheimhaltenden schließlich noch insofern erhöhen, als sie ihm eine differenziertere Geheimnisauflösung ermöglicht" (Sievers 1974, S.33).
Dieser Macht durch Geheimnisse steht die Enthüllung eben dieser Geheimnisse gegenüber. Für Nedelmann beruht Geheimhaltung "auf dem Paradox von Attraktivität durch Exklusivität und hierdurch hervorgerufene Attraktivität durch Verrat. Auf diese Weise erfährt die soziale Beziehung der Geheimhaltung jene für sie typische Mischung von Attraktivität und Instabilität" (Nedelmann 1995, S.6). Hahn benennt zwei Einflussfaktoren für Enthüllungen. Einerseits die Anonymität und andererseits die institutionalisierte Geheimhaltung von enthüllten Geheimnissen. Für letzteres gilt das Vorhandensein eines Interesses ein Geheimnis mitzuteilen und gleichzeitig einer Garantie der Geheimhaltung des offenbarten Geheimnisses. Diese unterstellte Geheimhaltung ermöglicht Kommunikation, welche sonst nicht stattfinden würde (vgl. Hahn 2002, S.22ff.). Geheimnisse und Geheimhaltung lassen sich aus der sozialen Welt nicht wegdenken. Gilt dies auch für die Beziehung zwischen Staat und Bürger? Welche Rolle spielt staatliche Geheimhaltung in Demokratien? 



Staatliche Geheimhaltung in offenen Gesellschaften


"Planmäßig organisierte Geheimhaltung signalisiert [...] bedrohte oder expansive Herrschaftsansprüche" (Westerbarkey 1991, S.231). Birkinshaw sieht deshalb Transparenz als absoluten Wert, welcher zu den fundamentalen Menschenrechten gezählt werden kann (Birkinshaw 2006). Max Weber sah Geheimhaltung ebenso durchaus als Problem für moderne Demokratien, stellt aber auch fest: "Jede auf Kontinuierlichkeit eingerichtete Herrschaft ist an irgendeinem entscheidenden Punkt Geheimherrschaft" (Weber 2006, S.987). Staatsgeheimnisse sind, wie alle Geheimnisse, nicht automatisch moralisch negativ belastet. Es gibt eine Reihe von Gründen für staatliche Geheimhaltung. Sarcinelli sieht ein Übermaß an Transparenz als disfunktional. "Totaltransparenz wäre nicht nur Ausdruck mangelnder politischer Klugheit. Sie mündet letztlich in Handlungsunfähigkeit und politische Machtlosigkeit" (Sarcinelli 2009, S.72). Heald unterteilt anhand der Zeitdimension Transparenz in "event transparency" und "process transperancy" (vgl. Heald 2006b) und versucht so das Dilemma zwischen Effektivität und Transparenz zu lösen.
"Governments need to construct an effective framework for transparency which combines respect for time sensitivity with maximum feasible recourse to event transparency, and is restricted, where appropriate, to only the procedural aspects of process transparency" (Heald 2006a).
Dem gegenüber steht die Notwendigkeit und der normative Anspruch von Demokratien der Transparenz für die Beurteilung der Volksvertreter, denn jede staatliche Geheimhaltung "bringt ein Erkenntnis- und damit ein Wahrheitsverbot" (Leisner 1999, S.220).
Deshalb kann "ein Rechtfertigungsgefälle von der Öffentlichkeit zur Vertraulichkeit konstatiert werden: Vertraulichkeit nur bei Vorliegen eines rechtfertigenden Grundes und Vertraulichkeit auch nur in dem sachlichen wie zeitlichen Umfang, in dem der einschlägige Grund Rechtfertigungswirkung entfalten vermag" (Jestaedt 2001, S.89).
Dieser Rechtfertigungszwang für Geheimhaltung zeigt den Unterschied zwischen demokratischen und nicht demokratischen Gesellschaften. Jestaedt unterteilt in zwei Gruppen "staatstheoretisch relevanter Gründe für Nicht-Öffentlichkeit". Er unterscheidet zwischen modalen und materiellen Geheimhaltungsgründen. Erstere begründen Nicht-Öffentlichkeit durch Effektivität der Aufgabenerfüllung. Modale Begründungen stellen deshalb nur einen "sekundären Rechtswert" dar, welcher seine Geltung nur durch Optimierung bzw. Verwirklichung eines primären, inhaltlichen Rechtswerts erlangt. Dieser Begründungsgruppe alleine attestiert Jestaedt nur eine schwache Rechtfertigungswirkung (vgl. Jestaedt 2001, S.90ff.). Dieser Rechtfertigungszwang greift jedoch nur bei einfacher Geheimhaltung direkt.
Sagar sieht trotzdem ein Problem bei der demokratischen Kontrolle von Staatsgeheimnissen dadurch gegeben, dass die Notwendigkeit der Geheimhaltung im konkreten Fall nicht öffentlich reflektiert werden kann ohne das Geheimnis zu lüften. Somit könne das staatliche Geheimhaltungsrecht Vertuschung von Fehlverhalten und zur Durchsetzung von umstrittenen politischen Entscheidungen Mißbraucht werden (vgl. Sagar 2011, S.201ff.). Die Lösung durch Delegation kritisiert Sager ebenfalls. "Im Fall von Staatsgeheimnissen bannen Kontrollgremien die Gefahr von Mißbräuchen keineswegs, sondern verlagern sie lediglich von den Beamten der Exekutive auf die Mehrheit in Parlament und Justiz" (Sagar 2011, S.209). Sagar vernachlässigt hier allerdings, dass mit der Kontrolle durch das Parlament auch die gewählten Vertreter des Souverän beteiligt sind. Die Problematisierung zeugt von einer misstrauischen Haltung auch gegenüber einem Mehraugenprinzip. Letztendlich bleibt das Problem das keine direkte Kontrolle und Beurteilung durch den Souverän das Volk erfolgen kann. Sagars plädiert deshalb für ein „Umgehungsverfahren“:
"Die zentrale These [...] lautet, daß sich Demokratien bei der Bekämpfung des Mißbrauchs staatlicher Geheimhaltung auf ein Verfahren stützen müssen, das der traditionellen Demokratietheorie fremd ist. Es beruht darauf, daß Informanten belastende Informationen aufdecken, indem sie das Monopol der Exekutive auf Staatsgeheimnisse umgehen" (Sagar 2011, S.217).
Die entscheidende Frage ist, ob ein Verlassen des Rahmens der Demokratie mit einer Entscheidungsverlagerung hin zu Privatpersonen das kleinere Übel darstellt gegenüber einer vielleicht nur indirekt kontrollierbaren staatlichen Geheimhaltung.
Das Spannungsverhältnises zwischen Transparenz und Geheimhaltung berührt zwangsläufig das Vertrauensverhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern, denn der "völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen" (Simmel 1908, S.263). Demokratie braucht beides, Vertrauen und Misstrauen. Spontanes Vertrauen, verankert in der Zivilgesellschaft und institutionelles Misstrauen. (vgl. Sztompka 2010, S.290)



Literaturverzeichnis


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Heald, David (2006a): Transparency as an Instrumental Value. in: Hood, Christopher (Hrsg.). Transparency. The key to better governance?, Oxford [u.a.], S.59–71.
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Popitz, Heinrich (2003): Über die Präventivwirkung des Nichtwissens. (1968), Berlin.
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Sarcinelli, Ulrich (2009): Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System, Wiesbaden.
Schirrmeister, Claudia (2004): Geheimnisse. Über die Ambivalenz von Wissen und Nicht-Wissen, Wiesbaden.
Sievers, Burkard (1974): Geheimnis und Geheimhaltung in sozialen Systemen, Opladen.
Simmel, Georg (1908): Soziologie, Berlin.
Sztompka, Piotr (2010): Does Democracy Need Trust, or Distrust, or Both? in: Schröter, Eckhard / Stehr, Nico / Wallner, Cornelia / Jansen, Stephan A. (Hrsg.). Transparenz. Multidisziplinäre Durchsichten durch Phänomene und Theorien des Undurchsichtigen, Wiesbaden, S.284–291.
Weber, Max (2006): Wirtschaft und Gesellschaft, Paderborn.
Westerbarkey, Joachim (1991): Das Geheimnis. Zur funktionalen Ambivalenz von Kommunikationsstrukturen, Opladen.

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